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	<title>Leitlöwe Oleg Zubarev &#187; Blog</title>
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	<description>Das Leben eines russischen Musikers im Orchester</description>
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		<title>Kalinka in Cis</title>
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		<pubDate>Sun, 11 Oct 2009 17:36:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Blog]]></category>
		<category><![CDATA[geschichten]]></category>

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		<description><![CDATA[Wozu lernen die Menschen Fremdsprachen? Eigentlich lieg [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wozu lernen die Menschen Fremdsprachen? Eigentlich liegt die Antwort auf der Hand: Um miteinander zu kommunizieren. Eine der mehreren Kommunikationsmöglichkeiten ist die Reise. Man packt Koffer, setzt sich ins Auto oder ins Flugzeug und schon bald kann die Kommunikation losgehen &#8211; &#8220;Bonjour, hello, bonjorno!&#8221;.</p>
<p>In der Sowjetunion aber hatte die Regierung ganz andere Vorstellungen von menschlicher Kommunikation &#8211; wir sind die Mächtigsten, Wohlhabendesten und Stärksten; unser Land ist riesig und es gibt auch bei uns genug Sehenswürdigkeiten.</p>
<p>Darum war die Reise nach Deutschland oder ins All nur ein Traum. Als wir also in der Schule mit Deutsch angefangen haben, wussten wir ganz genau, dass Bemühungen in Sprachkenntnisse zu stecken reiner Schwachsinn war. Deswegen dachten wir uns unterschiedliche Tricks aus, um uns vor der deutschen Sprache fernzuhalten. Zum Beispiel hatten mein Freund Kolja und ich die Begabung mit Plakatfedern zu schreiben. Zu unserem Glück war unsere Schule ganz neu gebaut und die Wände in den Klassenzimmern nackt. Also bekamen wir von unserer Deutschlehrerin die Aufgabe, Gedichte von großen deutschen Klassikern auf Plakate zu schreiben. Dafür sind wir von Hausaufgaben befreit worden und bekamen trotzdem gute Noten. Ich erinnere mich noch immer daran, wie wir &#8220;Lorelei&#8221; von Heinrich Heine vier Wochen lang geschrieben haben und uns danach freuten, dass wir einen ganzen Monat in Deutsch nichts gelernt hatten.</p>
<p><span id="more-16"></span></p>
<p>Damals konnte ich mir nicht einmal träumen lassen, dass ich einige Jahre später meine Arbeit als Orchestermusiker in Deutschland aufnehmen würde. Aber so ist es nun mal im Leben &#8211; welche Folgen das Nichtwissen einer Fremdsprache haben kann, habe sehr schnell zu spüren bekommen.</p>
<p>Das war mein erstes Silvester 1991 in Hildesheim. Ich war gerade zweieinhalb Monate da. Kurz vor Beginn der Silvestervorstellung stand ich draußen und rauchte eine meiner letzten Zigaretten. Der letzten, weil ich mir fest vorgenommen hatte, ab Mitternacht nicht mehr zu rauchen. Die Menschen suchen sich eben gerne Termine für solche Gelegenheiten um etwas zu ändern, z.B. am Montag oder am Monatsanfang.</p>
<p>In diesem Moment kam unser Konzertmeister zu mir. Wir konnten uns gut verständigen, weil er aus Polen stammt und in der Schule Russisch gelernt hatte. &#8220;Pass auf!&#8221;, sagte er zu mir. &#8220;Nach der Pause gibt es eine Überraschung für das Publikum. Das Theater hat einen Dresseur mit einem Bären eingeladen. Die beiden haben einen ca. 10 minütigen Auftritt mit ein paar Nummern.&#8221; &#8211; &#8220;Toll!&#8221;, sagte ich, &#8220;Das wird bestimmt lustig!&#8221; &#8211; &#8220;Ja, kein Zweifel. Aber für diese Show brauchen die beiden unser Orchester! Wir müssen irgendwas Passendes spielen, und der Bärdresseur meint, es muss was Russisches sein. Hast du eine Idee, was wir spielen könnten?&#8221;.</p>
<p>In diesen zweieinhalb Monaten, die ich in Deutschland verbracht habe, wusste ich, was 90% der Bevölkerung sich unter einem Russen vorstellt: Ein riesiger Kerl mit Bart, der in der sibierischen Taiga lebt &#8211; wo ewig Schnee liegt -, von morgens bis abends in großen Gläsern Wodka trinkt und dabei mit tiefer Stimme &#8220;Nasdorowje!&#8221; schreit. Ab jetzt kam also noch ein Bär zu diesem Bild hinzu.</p>
<p>&#8220;Was denn, was denn? Vielleicht Kalinka?&#8221;, schlug ich vor. &#8220;Klasse, genau das, was wir brauchen!&#8221;, erwiderte der Konzertmeister. &#8220;Sag mal, müssen wir das vielleicht einmal ausprobieren?&#8221;, fragte ich vorsichtig. &#8220;Ach wozu? Da kann uns nichts passieren, das kennt doch jeder!&#8221; &#8211; &#8220;Na gut, wie du meinst&#8230;&#8221;.</p>
<p>Als alle Musiker sich nach der Pause im Orchestergraben versammelt hatten, verkündete der Konzertmeister kurz, dass wir gleich Kalinka spielen würden. Alle nickten verständnisvoll. Es war so weit. Auf die Bühne trat der Bär und sein Begleiter. Als sie in der Mitte der Bühne standen, sagte der Dresseur &#8220;Musik, bitte!&#8221;. In diesem Moment rief der Konzertmeister zu mir: &#8220;Oleg! Mit welcher Note fangen wir an?&#8221;. Ich schnappte schnell zur Geige und das erste, was ich griff, war ein Cis. Vor mehreren Jahren in einem Schulorchester hatten wir mal Kalinka gespielt und ich konnte mich komischerweise immer noch daran erinnern, dass wir damals mit einem Cis angefangen hatten. Also rief ich ihm zu: &#8220;Im Cis!&#8221;. Und das war ein Fehler. Woher sollte ich wissen, dass dieser Fehler wenige Augenblicke später völlig fatale Folgen haben würde?</p>
<p>Der Konzertmeister schrie zum Orchester: &#8220;Also Leute, wir spielen Kalinka in Cis! Eins&#8230; zwei&#8230; drei&#8230; Los!&#8221;. Was in der nächsten Sekunde für Töne aus dem Orchestergraben erklangen, kann ich nicht beschreiben. Weil in Cis zu spielen etwas anderes ist, als vom Cis anzufangen &#8211; nämlich dass man mit einem Gis anfängt &#8211; und alle waren dazu noch durcheinander, denn um den richtigen Ton zu finden, hatten die meisten keine Zeit gehabt. Wir haben gespielt und gleichzeitig gesucht. Der Bär versuchte, irgendwas zu tanzen aber mit unserer Begleitung konnte er nichts anfangen. Nach 10 Sekunden also stand er nur noch ratlos da und brüllte.</p>
<p>Sein Dresseur brüllte auch: &#8220;Musik! Wo ist die Musik?!&#8221;. In der Zeit waren die Musiker im Orchester auch total ratlos. Nach und nach hörten sie alle nacheinander auf zu spielen. Schließlich hörten auch die letzten Orchestranten auf zu spielen und fingen an zu lachen: &#8220;Das war aber eine Kalinka in Cis!&#8221;. Mir war das peinlich und ich wollte nur weglaufen.</p>
<p>Als die Vorstellung zuende war, packte ich meine Geige und ging nach draußen. Es war halbzwei am Morgen und außer unserem Publikum, welches sich auf dem Weg nach Hause befand, war auf der Straße keiner zu sehen. Auf einmal sah ich vor meinen Augen die Plakate, die Kolja und ich gestaltet haben. Die ersten zwei Zeilen leuchteten plötzlich in meinem Kopf:</p>
<p><em>Ich weiß nicht was soll es bedeuten,<br />
 Dass ich so traurig bin;</em></p>
<p>Ich steckte meine Hand in die Jackentasche und holte den übriggebliebenen Rest meiner Zigaretten heraus. Nach einer kurzen Überlegung zündete ich mir eine an und dachte: &#8220;Nächsten Montag höre ich auf&#8230;&#8221;</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">PS.: Noch einige Jahre nach dieser Geschichte raunte das Orchester leise zum Dirigenten, wenn  sich mal jemand verspielt hatte und dieser fragte, was das gewesen sei: &#8220;Kalinka in Cis&#8221;</p>
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